2011
Volksabstimmung: www.muss-scheuch-gehen.at
Bevor in einer Gesellschaft Menschen deportiert werden, werden ihre Werte verbracht. Einwaggoniert in die Verwahrlosung. Zuerst nur abgetragen. Dann ermattet unter der Marter, bewirkt vom Ducken, vom Untertanenreflex der Zuschauer, die wie ihre eigenen Touristen rund um die Abtransportwaggons drapiert sind. Der Erste spuckt, der Zweite wirft den ersten Stein.
Anstand, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit hatten sie, die Menschen, schon lange malträtiert. Denn sie hatten nie gelernt, mit ihnen umzugehen. Anstatt eine Umgangsform waren sie für sie eine Untergangsform geworden. Ihre hängenden Schultern brachen unter der Last. Sie waren zu schwach. Oder zu verführt. Also zu schwach. Sie hatten nie den Schneid, offen für etwas einzustehen, das nicht einem Meinungs-Tauschhandel erlag. Hinterm Rücken ja. Vor dem Gesicht nein.
Plötzlich stellte sie das schlechte Gewissen vor ein Ultimatum: Entweder Befolgung der Werte oder deren Beseitigung.
Sie fanden bald eine Antwort: Die Werte waren für sie der Verursacher, der Schuldige für ihr schlechtes Gewissen. Verantwortlich für ihr zivilcouragiertes Versagen. Der Tyrann ihres schwachen Geistes. Und sie stellten die Werte in Abliebe. Die Menschen wurden Opfer ihrer eigenen Lebensimpotenz – und Täter ihres Selbstverrats. Die Werte verendeten am Eiter der Resignation, der Selbstaufgabe, der Feigheit und des Profitierertums. Und lagen am Boden. Wie alte Fetzen. Lange Zeit hatten sie diese Kleider gewärmt und zusammengehalten. Doch es sollte anders kommen.
Es trug sich zu, dass neue Herren auftraten. Neu eingekleidet. Leinengewandet. Und die Menschen begriffen das Tuch, das sie anhatten. Und es ergriff Besitz von ihnen. Ihren eigenen Kleidern wohnte ab da ein benachteiligendes “Zuwenig” inne. Ein 99 Prozent. Eine Zurückhaltung. Dieses negative Lebensgefühl paarte sich mit dem Hang nach der autoritären Alternative, dem Hecheln nach Mehr. Dem Schlüpfen unter das neue Tuch. Und es geschah, dass das Hecheln der Vielen und das Heucheln der Wenigen zu Komplizen wurden. Und so gewann die Sicherheit des Habens über die Freiheit des Seins. Die autoritäre Versuchung der Heuchler nahm das unterwürfige Hecheln ein. Und die Menschen streiften die alten, allen Zeiten und allem Verdruss trotzenden Gewänder ab und stülpten sich die neuen, blendenden Kleider über.
Horch, es ertönt eine Trillerpfeife. Am Bahnsteig der Verbringung der alten Werte. Der Abtransport läuft schon. Parallel zur Fahrt ins Verderben wird eine neue Ordnung auf Schiene gebracht. Die Ordnung der neuen Herren. Bürgerrechte werden zu Parteienrechten. Und Parteienrechte werden zur Monopolpartei. Politik wird Politiklosigkeit. Aus Wählern werden Mitläufer. Aus Mitläufern werden Mittäter. Aus der Zivilgesellschaft wird eine Summe von Charakterschwächen. Von der Liebe zur Demokratie führt ein Multiorganversagen zu einem geschändeten Körper. Der da liegt. Im Waggon der Verwahrlosung. Eingetreten wie ein Fußabdruck im Dreck. Am Scheiterhaufen der duckmäuserischen Unfähigkeit, sein Maul aufzureissen.
Das Schauspiel, bejohlt und bejubelt vom Massendelirium ringsum. Von an der Obergrenze zur Unterwerfung Stehenden, die dieses pervertierte Ablassventil wählen, weil die Stimme in ihnen verschluckt wurde vom Anspruch auf Hilflosigkeit.
Sieh´, der Zug beginnt zu rollen. Er nimmt Fahrt auf. Die Werte, sie blicken verraten aus den schwarzen Holzritzen der Waggons. Verstoßene Kinder, die nicht wissen, wohin es geht. Was auf sie zukommt. Ob es dort schön ist oder man ihnen Böses will. Ihre Augen, wir werden diesen unschuldigen, in ihnen nicht anklagenden, aber in uns den Angeklagten hervorrufenden Blick niemals mehr vergessen können. Sie fürchten sich. Vor dem, was kommt. Vor dem, was kommt.
***
Diese Geschichte werden wir alle, ja wir alle weiterschreiben. Du auch, ja! Der Zug, er fährt zwar. Aber er ist nicht abgefahren! Wenn wir, die wir in einer Demokratie weiterleben und -lieben wollen, – und die wir auch wollen, dass unsere Kinder in einer Demokratie leben und lieben können – auf den Zug aufspringen, ihn stoppen und die Werte befreien. Wenn wir endlich einmal wie US-Präsident Harry Truman wären, der gesagt hat, “the buck stops here” – ich habe die Letztverantwortung. Wenn wir endlich kapieren, dass Demokratie kein Zuschauersport ist, sondern mit Worten und Taten um sie gefreit werden muss. Wenn wir endlich sehen, dass wir unserer Selbsterhaltung nur gerecht werden, wenn wir jetzt Brösel in Kauf nehmen – und nicht umgekehrt -, dann werden wir lieben. Und leben. Anstatt hassen und sterben.
Und jetzt zitiere ich noch den einen, um den es hier geht. Und den ich bei der Volksabstimmung auf www.muss-scheuch-gehen.at abwählen werde. Gebt auch ihr Eurer Meinung eine Stimme und sagt “Ja” oder “Nein”. Aber sagt etwas. Reisst das Maul auf! Und macht diese Abstimmungswebsite zu einem Lauffeuer der Demokratie. Teilt sie, schickt sie weiter. Sprecht Leute drauf an. Druckt sie aus und druckt sie irgendjemandem in die Hand. Und nicht erst in fünf Minuten. Sondern jetzt! Werde zu einer Fackel des Lauffeuers.
Fragt Euch bitte nach diesem Zitat des zu sechs Monaten unbedingter Haft (nicht rechtskräftig) verurteilten Uwe Scheuch, welche (gewünschte) Rolle er in diesem Gerichtssaal hatte, an diesem 2. August 2011:
“Ich nehme das Urteil nicht zur Kenntnis. Ich habe dem
Richter bis zum Schluss klar vermittelt, dass meine Unschuld bewiesen ist.”
Barack Obama hat einmal einen entfachenden Satz gesagt:
“Wir sind die, auf die wir gewartet haben.”

