2011
Wie Abdullah
Dies ist eine wahre Geschichte.
Krippenspiel in einer österreichischen Volksschule. Jesu Geburt soll nachgespielt werden. Die Lehrerin verteilt die Rollen. Die “Maria” ist sofort weg, die kleine Sabine spielt sie. Der “Josef” ist auch gleich vergriffen, der sechsjährige Peter spielt ihn. Um die Engel bricht eine regelrechte Konkurrenz aus, sogar Kinder aus der Nebenklasse wollen sie spielen. Nur den bösen Wirt, der Maria und Josef wegschickt, den will niemand spielen. Die Lehrerin denkt sich, den soll der kleine Abdullah spielen. Der ist erst kurz in der Schule, er wird wohl nicht aufmucken. Und die paar Sätze wird er wohl rauskriegen. Abdullah kennt die Geschichte nicht gut, er kommt aus einer anderen Kultur. Die Lehrerin überrumpelt ihn, er nimmt widerwillig an, weil er sieht, die anderen Kinder wollen nicht der Wirt sein.
Dann kommt der Tag. Die Bühne ist im Turnsaal aufgebaut, die Eltern haben auf den Holzbänken Platz genommen. Alles wartet gespannt auf die Schauspieler. Es ist mucksmäuschenstill. Josef und Maria erscheinen auf der Bühne. Maria hat eine Puppe unter ihrem Gewand, das Jesuskind, das auf die Welt kommen wird. Sie sind erschöpft und müde und suchen ein Quartier zum Übernachten. Der Kaiser hat sie nach Betlehem zur Volkszählung befohlen, sie waren den langen Weg von Nazareth zu Fuss hierher gekommen. Sie klopfen an eine Herberge. Der Wirt öffnet: “Was wollt ihr?” Josef antwortet, “wir sind müde und kommen von weit her. Wir brauchen eine Schlafstelle”. Der Wirt entgegnet: “Nicht bei mir. Alles voll.” Josef bittet den Wirt, “aber sieh uns nur an, wir können keinen Schritt mehr tun”. Der Wirt laut zurück: “Wie viel zahlt ihr?” Wieder antwortet Josef: “Wir sind arm, wir können nichts bezahlen. So gebt uns bitte Unterkunft.” Maria wagt sich in das Gespräch und deutet auf ihren Bauch: “Aber Herr Wirt, seht mich nur an, in welchen Umständen ich bin. Wir sind so arm, dass wir nichts bezahlen können. Bitte gebt uns Einlass.”
Auf einmal sagt Abdullah “Ähhh”… “Ähhh”… “Ihr seid arm, ja natürlich, kommt herein.”
Im Turnsaal bricht Getuschel aus. Die Lehrerin schreit Abdullah von der Bühnenseite aus zu: “Jag sie fort, du musst sie fort jagen. Es heißt ,fort von meiner Schwelle’.” Aber Abdullah sagt “kommt herein”. Maria bricht in Tränen aus, weil sie nicht mehr weiter weiss, Josef flüstert Abdullah zu, “das geht nicht so, du musst uns fortjagen, so geht das Stück. Jag uns fort”. Aber Abdullah wiederholt seine Einladung und sagt “kommt herein zu mir, ihr seid arm. Ich will euch helfen”.
Die Lehrerin springt auf die Bühne und hält dabei aufgebrachte Eltern davon ab, Abdullah mehr laut als leise zu belehren. Sie tröstet Maria und bringt sie mit Josef zur Krippe, damit das Spiel zu Ende geführt werden kann.
Ein Zuschauer ist an diesem Tag stolz auf seinen Sohn: Abdullah´s Vater.
***
Abdullah wußte es nicht besser. Er wußte es nicht besser. Der kleine Junge hat die Geschichte verändert, indem er eine Geschichte verändert hat. Dieser kleine Junge hat ein System zum Kippen gebracht. Er war nicht gefangen von einmal erworbenem Wissen. Er hatte keine Landkarte in seinem Kopf, die er irgendwann in der Vergangenheit gezeichnet hatte oder die von irgendjemand gezeichnet wurde. Dieses sechsjährige urteilte in Freiheit.
Abdullah konnte unbelastet entscheiden, was er für richtig hielt. Er anerkannte kein “Das geht nicht”. Er entschied selbst. Er wich von der Linie ab. Und folgte seinem Herzen.
Machen wir uns wieder frei.
Glaubst du noch immer, dass man in Kärnten nichts verändern kann?
Der Mutbürgermarsch, 22.12., 18 Uhr, Treffpunkt Klagenfurter Hauptbahnhof.
Wenn sie da ist, die Veränderung, werden wir uns in die Augen sehen und still spüren, es war wert, es zu tun.
* Sinngemäß entlehnt von E. Schrattenholzer, GEA-"Brennstoff"
